“time to care” oder besser: “care for time”? Im Kulturbetrieb ist Zeit schon immer Mangelware – aber richtig wertvoll und manchmal schmerzhaft wenig wird sie, wenn Menschen die Lohnarbeit mit Sorgearbeit in Einklang bringen müssen oder aber auf die Einhaltung von crip time angewiesen sind. Der Begriff “crip time” beschreibt ein Verhältnis zur Zeit, das sich an den Lebensrealitäten behinderter und chronisch kranker Menschen orientiert und gängige Vorstellungen von Tempo, Effizienz und Verfügbarkeit bewusst aus dem Takt bringt. Carework wiederum ist ein Feld, auf dem seit Jahren aktivistisch gekämpft wird: für mehr Rücksichtnahme auf Care-Gebende Personen. Projekte wie “Making a difference” oder “Culture.Care” (s.u.) treten für neue Standards an Kulturinstitutionen ein und dafür, unser Denken über Zeit umzudrehen: von der Mangelware zur Ressource, die gerecht und sorgfältig eingeteilt werden will. Denn mehr Zeit werden wir zwar nicht bekommen – aber unser Umgang mit ihr kann und muss sich ändern.

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Juli Reinartz ist Choreografin aus Berlin. Seit September 2019 ist sie Doktorandin an der Theaterakademie der Uniarts Helsinki, wo sie zu Crip Time als choreografischer Strategie und als Frage an kollektive Erfahrung forscht. Ihr endokrinologisch turbulenter Körper beeinflusst zunehmend ihre eigene Zeitwahrnehmung und bildet so das Zentrum ihrer Forschung. Seit 2024 ist sie außerdem Ko-Projektleitung von Making a Difference, einem Netzwerkprojekt von Berliner Tanzinstitutionen, das zum Ziel hat Künstler:innen mit Behinderungserfahrung zu unterstützen, sichtbar zu machen und anti-ableistische Arbeitsprozesse in den Partnerorganisationen zu verankern. Darüberhinaus zeigt Juli ihre künstlerische Arbeit international und gibt Seminare, Workshops oder Lectures an Universitäten wie dem HZT Berlin, Theaterakademie/Uniarts Helsinki, HfMT Köln, HKS Ottersberg, Glasgow School of Arts et al.
Anna von Haebler ist deutsch-italienischer Herkunft, wuchs in Göttingen mit drei Geschwistern auf und studierte Schauspiel an der UdK Berlin. Bereits früh entstand eine Zusammenarbeit mit dem freien Theaterkollektiv Prinzip Gonzo, die sie bis heute in wiederkehrenden Projekten verbindet. Ihre Laufbahn führte sie an verschiedene Theater, u.a. Osnabrück, Bonn, Berliner Ensemble, Ballhaus Ost, sowie in zahlreiche Film- und Fernsehproduktionen; von 2017 bis 2024 war sie als Hauptrolle in der Krimiserie „Soko Hamburg” zu sehen. Einen wichtigen Einfluss in ihrer künstlerischen Arbeit nimmt die Unfold mind movement method, in der sie sich kontinuierlich weiterbildet. Parallel zu ihrer Tätigkeit als Schauspielerin engagiert sich Anna für eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Sie ist aktiv bei Working Moms e.V. und Bühnenmütter e.V. sowie Teil des Projekts “Culture.Care” mit dem Schwerpunkt bedarfsgerechte Kinderbetreuung, zu dem sie auch Beratungen, Vorträge und Workshops anbietet. Anna ist Mutter von zwei Kindern.
Harald Wolff war von 2018 bis 2024 Vorsitzender der Dramaturgischen Gesellschaft, initiierte für die dg kulturpolitische Formate wie „40.000 Theatermitarbeiter:innen treffen ihre Abgeordneten“ und wurde dafür mit dem Innovationspreis des Deutschen Theaterpreises DER FAUST ausgezeichnet. Er engagiert sich in der Förderung junger Regie, als Juror für neue Dramatik und als Gastdozent an verschiedenen Hochschulen. Wolff war unter anderem Mitglied der Theaterleitung an den Münchner Kammerspielen und künstlerischer Betriebsdirektor der Akademie für Theater und Digitalität. Zur Zeit arbeitet er als Chefdramaturg des Schauspiels am Staatstheater Nürnberg.